Das Auge für die Weltmeister von Morgen!

Ausgabe 19
Sa, 06/02/2018

Den talentierten Nachwuchs fest im Blick:

Das Auge für die Weltmeister von Morgen!

Wenn in Kürze in Russland die Fußball-WM beginnt, gönnt sich auch Michael, genannt Micha, Bartels den einen oder anderen Moment vor dem Fernseher, um sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, wie gut die Deutsche Nationalmannschaft sich im internationalen Vergleich behauptet. Schon als kleiner Junge galt seine Liebe dem Spiel mit dem Lederball. Seit der gebürtige Rüganer zurückdenken kann, spielte Fußball eine ganz wichtige Rolle in seinem Leben. Als Kind zog er oft um, war nie allzu lange an einem Ort. Die meisten Freundschaften und Bindungen entstanden daher über den Sport. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr ist Micha Bartels Fußball-Trainer. Zunächst im Jugendbereich – später auch bei den Männern. Als im Jahr 2002 der DFB-Stützpunkt in Parchim eröffnet wird, beginnt für Bartels die wohl spannendste Zeit seiner Trainerkarriere: Er wird Leiter der Talentsichtung im Landkreis und zeichnet sich fortan verantwortlich dafür, dass die Maßgaben des DFB in puncto Talentförderung einheitlich Anwendung finden. Neben dem Stützpunkt in Parchim gibt es einen weiteren DFB-Stützpunkt in Ludwiglust.

Montag nachmittag, 17 Uhr in Parchim. Auf einem Nebenplatz des altehrwürdig anmutenden Stadions am See beginnen die jüngsten DFB-Kicker mit dem Trainingsprogramm des Stützpunktes. Unter den wachsamen Blicken von Stützpunktleiter Michael Bartels und Assistenz-Coach Tobias Böthling absolvieren die 9- bis 11-jährigen ein leichtes Aufwärmen mit Ball. Jonglieren, kleine Finten – alles in lockerer Bewegung ohne Sprints etc. Das klassische „Rundenlaufen“ um den Platz, was vielerorts in Vereinen praktiziert wird, findet beim DFB nicht statt. Die meisten Kinder kennen sich untereinander: Entweder aus dem Verein oder aus den Punktspielen, in denen sie gegeneinander antreten. Die Stimmung innerhalb des Stützpunktkaders ist gut, die Kinder haben sehr viel Spaß – dennoch herrscht auch eine große Konzentration.

Wenn in Kürze die Fußball-WM in Russland beginnt, bei der es für die Deutsche Fußballnationalmannschaft um nicht weniger als die Titelverteidigung geht, richten sich alle Blicke auf die Spieler, die der Bundestrainer Joachim Löw in den WM-Kader berufen hat. Darunter befinden sich auch viele Spieler, die bereits als Kinder und Jugendliche die Stützpunkte und Auswahlmannschaften des DFB durchlaufen haben und hierbei „entdeckt“ worden sind – beispielsweise nicht zuletzt der Weltmeister Toni Kroos in Greifswald. Dabei bildet der DFB-Stützpunkt die erste Stufe in einem mehrstufigen Sichtungs- und Entwicklungsprozess. 366 solcher Stützpunkte gib es bundesweit. Etwas mehr als 1.300 Trainer mit spezieller Ausbildung verfolgen dabei das Ziel, talentierte Kindermöglichst frühzeitig zu entdecken und mithilfe eines speziellen vom DFB vorgegebenen Trainingsprogramms gezielt weiterzuentwickeln. Seit 2002 gibt es diese Stützpunkte in Deutschland – eine Idee, die der ehemalige  Nationalspieler, Bundesliga-Trainer und DFB-Sportdirektor Matthias Sammer ersann, nachdem die Nationalmannschaften nach Jahrzehnten des großen sportlichen Erfolgs begannen, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein.

„Früher achtete man sehr stark auch im Nachwuchsbereich auf die sogenannten „Deutschen Tugenden“ Disziplin, Fleiß, Laufbereitschaft und Mannschaftstauglichkeit“, erzählt Michael Bartels. Heute hingegen suche man das Individuelle – den Hauch der Genialität verbunden mit einem ausgeprägten schnellen Denkprozess im Hirn. Bartels weiter: „Wir stellen die Kinder immer wieder vor besondere Herausforderungen, in denen sie selbst optimale Lösungen innerhalb kürzester Zeit suchen und finden müssen. Der Kopf muss ständig mitarbeiten.“ Auf dem Trainingsplatz sieht das dann so aus: Die Kinder laufen auf engstem Raum mit Ball am Fuß im Wettkampf diverse Hütchentore an. Jedes Tor symbolisiert eine Zahl. Die Trainer geben die Zahlen mit einer Rechenaufgabe vor. Wenn beispielsweise das Kommando lautet: „Vier plus eins, drei minus zwei, acht minus fünf“, dann müssen die Kinder so schnell wie möglich die Hütchentore fünf, eins und drei ansteuern. In der gesteigerten Variante sollen die Kinder sogar selbst entscheiden in welcher Reihenfolge sie den Parcours absolvieren, damit sie möglichst kurze Wege zurücklegen. Das erscheint ganz schön schwierig – die Nachwuchstalente aber haben große Freude daran. „Alle, die bei uns im Stützpunkt regelmäßig trainieren, lernen, dass es hier um etwas anderes geht als schießen, passen, laufen – es geht darum immer und jederzeit den Kopf einzusetzen, während man in hohem Tempo mit Ball am Kopf unterwegs ist“, sagt Tobias Böthling, der neben der Arbeit im DFB-Stützpunkt auch als Jugendtrainer beim FC Mecklenburg Schwerin arbeitet. Man wisse im DFB, sagt er, dass die Arbeit in den Stützpunkten teilweise nicht ganz konform zu dem üblichen Trainingsprogramm in den Vereinen sei. Dies solle aber eben auch so sein: Die Vereinstrainer haben das Ziel, erfolgreiche Teams zu formen – im DFB suche man in den Stützpunkten und Leistungszentren stattdessen die  außergewöhnlichen individualbegabten Spielertypen. Und das eben schon im Kindesalter.

Nach mehreren Runden „Gehirn-Training mit Ball“ in verschiedensten Übungen gibt es eine kurze Verschnaufpause, die hauptsächlich zum Trinken genutzt wird. 12 Kinder bilden eine Trainingsgrppe – mehr nicht. Das fällt auf. Ebenso die Tatsache, dass der eigentliche Trainingsplatz nicht sehr weitläufig organisiert ist – die jungen Talente sollen lernen, auf engstem Raum zu dribbeln und zu kombinieren. Am Ende, nach etwa 80 Minuten, erfolgt auch nicht das in den Vereinsmannschaften obligate Abschlussspielchen: Im Stützpunkt wird auch bei Spielformen Wert darauf gelegt, dass die Kinder mit sehr hohem Tempo immer mit Köpfchen spielen. Drei Teams werden gebildet – zwei davon spielen gegeneinander, die dritte wartet darauf, dass ein Treffer erzielt wird. Dann nämlich muss sie sofort eingreifen und das Tor verteidigen, denn die Mannschaft, die gerade erfolgreich war erhält sofort wieder den Ball und greift an. „Das schnelle Umschalten ist bei uns dauerhaft  gefragt und Angriff ist eben immer die beste Verteidigung“, sagt Michael Bartels mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

Apropos gefragt: Wie wird man eigentlich DFB-Stützpunkttrainer? Michael Bartels schmunzelt. Schon früh begann der auf Rügen Geborene dem runden Lederball hinterherzulaufen. Eigentlich seit er denken kann, wie er sagt. Als Kind zog Bartels öfter um. Schulwechsel, neue Freunde – das Fußballspielen sei seine große Konstante in der Jugend gewesen. Und das blieb es auch. Heimisch wurde Michael Bartels, der von seinen Freunden schlicht „Micha“ gerufen wird in Südwestwecklenburg. In Crivitz und später auch in Ludwigslust übernahm Bartels auch Mannschaften im Herrenbereich.

„Früher achtete man sehr stark auch im Nachwuchsbereich auf die sogenannten „Deutschen Tugenden“ Disziplin, Fleiß, Laufbereitschaft und Mannschaftstauglichkeit. Heute hingegen suche man das Individuelle – den Hauch der Genialität verbunden mit einem ausgeprägten schnellen Denkprozess im Hirn.“

„Das macht durchaus auch Spaß. Da ist natürlich eine ganze Menge Zug drin und die Spieler in diesem Bereich sind meistens in der Lage, unterschiedliche taktische Systeme auf dem Platz umzusetzen“, sagt Michael Bartels. Viel mehr Freude mache ihm aber die gezielte Förderung im Nachwuchsbereich. Immer wieder ist er erstaunt, über wieviel Geschick, Technik und welch erstaunliches Ballgefühl Kinder im Alter zwischen 9 und 12 Jahren schon verfügen. Michael Bartels selbst war als Spieler eher einer für die Zweikämpfe. Ein sogenannter „harter“ Hund. Bartels: „Ich bin meinen Gegenspielern überall hin gefolgt, habe ihnen die Bälle abgenommen und dann abgegeben. Für den gepflegten Spielaufbau und technische Kabinettstückchen waren hingegen andere zuständig. Dies klingt umso erstaunlicher, wenn man beobachtet, mit welcher Hingabe er heute als Trainer die Kinder dazu bringt, gerade auch jene Dinge umzusetzen, die ihm selbst einst so fremd waren auf dem Platz.

In den vielen Trainerlehrgängen, die Michael Bartels absolviert hat, habe er sehr viel gelernt über das Wesen des Jugendfußballs. Auch über Psychologie und viele weitere sehr wichtige Aspekte des Sports und des Lebens. Michael Bartels verfügt neben einer C- und einer B-Lizenz auch über die DFB Elite-Jugend-Lizenz, die ihn für die Arbeit im Stützpunkt qualifiziert. Neben der Arbeit im Stützpunkt ist er zudem auch Landesbeauftragter für „Beach-Soccer“ – die reguläre Wettkampfform des Strandfußballs sowie für„Futsal“ – jene neue Errungenschaft, die mit einem etwas anderen Ball und veränderten Regeln in der Halle gespielt werden. Bartels kommt sehr viel rum in Sachen Fußball, Beach-Soccer und Futsal. Und als sei das noch nicht genug: An vielen Nachmittagen ist Michael Bartels auch mit dem sogenannten DFB-Mobil unterwegs. Dann besucht er die Vereine des Landkreises und führt dort exemplarische Trainingseinheiten mit Jugendmannschaften durch. Das spannende dabei: Alle Jugendtrainer des jeweiligen Vereins sind dazu aufgefordert zuzuschauen. Im Anschluss findet dann eine gemeinsame Auswertung im Trainerkreis statt. Ein spannendes Unterfangen, denn nicht selten wird dann kontrovers über die Übungen diskutiert. Bartels weiß: „Nicht all das, was wir zeigen und vorführen, ist für einen Jugendtrainer im Verein so eins-zu-eins umsetzbar. Darum aber geht es auch gar nicht. Wir wollen Anregungen geben, wie ein angemessenes und forderndes Trainingsprogramm für Kinder und Jugendliche in bestimmten Altersklassen zu ganz bestimmten Schwerpunkten aussehen kann. Die Trainer im Verein entscheiden dann, was sie daraus machen.“ Das DFB-Mobil kann übrigens kostenlos durch die Vereine angefordert werden. Ein Service, der sich nach Meinung von Michael Bartels absolut bezahlt gemacht hat: „Heute wird sehr Vieles sehr richtig gemacht in den meisten Vereinen. Im Mittelpunkt stehen die Kinder und Jugendlichen – das ist auch genau richtig so. Darauf können alle zurecht sehr stolz sein.“

Zurück zum Nachwuchstraining in Parchim: Dort ist Michael Bartels auch und gerade sehr stolz auf die 9- bzw. 10-Jährigen. Nach einem tollen Spielzug klatschen Bartels und Böthling begeistert in die Hände. Auch die wenigen begleitenden Eltern nicken bewundernd mit dem Kopf. Ob aus diesen Kindern wohl auch mal Profifußballer werden? Nationalspieler – die Stars von morgen? Und ist so etwas wirklich planbar oder überhaupt erstrebenswert? „Wer weiß“, entgegnet Michael Bartels schelmisch grinsend und beendet den Satz mit den Worten des Fußball-Kaisers: „Schau’n mer mal – da seh ma scho!“

© Bilder: Marc Brendemühl

 

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