Stefan Baerens – der „Quasi-Schlossherr“ von Dreilützow

Ausgabe 24
Sa, 08/11/2018

Persönlich couragiert, vielfältig interessiert, sozial engagiert:

Stefan Baerens – der „Quasi-Schlossherr“ von Dreilützow

Er mag es nicht, als „Schlossherr“ bezeichnet zu werden, obwohl er die Verantwortung für ein riesengroßes Schloss trägt. Stefan Baerens, Jahrgang 1969, wuchs als Katholik in der DDR auf. Die Eltern, aber auch seine Geschwister und er selbst gehörten in den 80er Jahren zu einer Minderheit, die ehr kritisch den damaligen System gegenüber stand. Man betete für den Frieden, setzte sich für Umweltschutz ein, hinterfragte die Militarisierung und den verordneten Atheismus. Später ging es aktiv auf die Straße für die Freiheit und Veränderung, einfach für eine offene Gesellschaft. Christliche Werte, Menschlichkeit, Würde, Spiritualität und aktiv sein – das sind auch heute noch wesentliche Komponenten, die den Menschen Stefan Baerens Antrieb verleihen. Wie sonst hätte ein Mensch die Kraft, Jahr für Jahr dem drohenden Verfall eines riesengroßen Schlosses nebst einer prächtigen 11 ha großen Schlossanlage zu trotzen – diese hingebungsvoll zu hegen, zu pflegen und dafür zu sorgen, dass ein Traumschloss Ziel für Jedermann werden kann. Wer auf Schloss Dreilützow verweilt, der tut dies im Rahmen einer Klassenreise, einer Jugendfreizeit mit pädagogischem und/oder religiösen Hintergrund oder als Gruppenreise – stets zu zahlbaren Preisen. Wer einmal kommt, der kommt auch sehr gern wieder. Diese Kinder- und Jugendübernachtungsstätte zählt seit langem zu den erfolgreichsten Einrichtungen dieser Art unseres Bundeslandes. Sitz der Einrichtung: Gemeinde Dreilützow im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Es ist ein Ort, an dem man zunächst gar nicht so recht weiß, was man zuerst in Augenschein nehmen soll: das Schloss selbst – oder doch vielleicht zunächst die herrliche Parkanlage. Stefan Baerens jedenfalls, der hier seit fast 20 Jahren schaltet und (ver-)waltet, trifft man in der Regel irgendwo auf dem weitläufigen Areal – beim Verrichten irgendwelcher wichtigen Dinge. Der Begriff „Macher“ in Bezug auf seine eigene Person, ist keiner, der ihm über die Lippen kommt. Dennoch drängt sich einem eigentlich gerade ebendieser Begriff auf, wenn man eine Weile Zeit hat, den beruflichen Alltag von Baerens mitzubekommen. Im Büro jedenfalls sitzt er eher selten – er ist zumeist auf dem weitläufigen Gelände oder im Schloss unterwegs und eigentlich immer in Action.

Werfen wir aber zunächst einen Blick auf die Historie der Wirkungsstätte von Stefan Baerens: Das Gut Dreilützow befand sich zwischen 1333 und 1725 im Besitz der Familie von Lützow und diente zur Pferdezucht bzw. zu landwirtschaftlichen Zwecken. Dann wechselte das Gut in den Besitz der Familie von Bernstorff. Andreas Gottlieb Freiherr von Bernstorff, der damalige Erwerber war zu jener Zeit u. a. kurhannoverscher Premierminister. Mit dem Kauf begann der Bau des Backstein-Schlosses, der flankierenden Wirtschaftsgebäude, sowie die Errichtung der weitläufigen Parkanlage. Die prosperierende Landwirtschaft war auch weiterhin die tragende Säule des prächtigen Anwesens, dem die Errichtung weiterer Wirtschaftsgebäude, die heute im Dorf als private Wohngebäude genutzt werden, Rechnung trug. Nach dem ersten Weltkrieg traten dann Wendungen und Veränderungen ein und schließlich musste das Anwesen im Jahr 1929 verkauft werden. In der Zeit zwischen 1933 und 1945 nutze zunächst der Reichsarbeitsdienst das Schlossgebäude – später entstand ein Kriegslazarett. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs kamen zunächst Flüchtlinge aus dem Osten nach Dreilützow bevor 1947 ein katholisches Kinderheim einzog. Ab dem Jahr 1969 wurde dann das Schloss als Heim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche genutzt. Dreilützow  wurde in jenen Jahren zu einem beliebten Wallfahrtsort, an dem Andachten und Prozessionen stattfanden. Aus einem der Pferdeställe wurde eine Kirche und auch sonst gab und gibt es auf dem herrlichen Gelände zahlreiche größere und kleinere Orte der Besinnung.

»Die suchten jemanden, der gleichermaßen das Gebäude, als auch den Park unter seine Fittiche nimmt. Vor allem wurde aber jemand mit Ideen gesucht, der im sozial- und Jugendarbeitsbereich es verstand mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Ich war noch ziemlich jung für diese Aufgabe, aber man traute mir das zu.«

1995 begann schließlich eine neue Zeitrechnung auf Dreilützow – da nämlich übernahm die Caritas das Schloss und begann damit, das Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen: Seitdem ist Dreilützow Schullandheim. Und gar nicht so viel später begann auch die Zeit von Stefan Baerens auf dem Schloss: „So ganz genau bekomme ich es nicht mehr zusammen, aber das war vielleicht 1998“, sagt Baerens. Wer in den Sommermonaten bei gutem Wetter einen Termin mit ihm vereinbart, der darf sich auf Draußensein einstellen. Kein Wunder – bei der Schönheit des Außengeländes.

Stefan Baerens, der in Schwerin aufwuchs, zur Schule ging und eine Lehre machte, zog in den Wendejahren nach Berlin, um dort zu studieren. „Für mich kam die Wende 1989 genau zur richtigen Zeit“, sagt er, „als gläubiger Katholik und Sohn von zwei der Bürgerrechtsszene zugehörigen Eltern, hätte ich in der DDR nicht so ohne Weiteres studieren können.“ Neben einer – wie er es nennt – „großen Befreiung“, erlebt Baerens aber auch, wie schnell sich viele der kleinen und großen Träume, für die gerade seine Generation auf die Straße gegangen war, nicht erfüllen ließen. Von den Vorstellungen der Generation seiner Eltern ganz zu schweigen. Baerens, der selbst schon vor 1989 in Kirchenkreisen aktiv gewesen ist, spürte schnell, dass ihn sein stets offenes Ohr für Sorgen Dritter dazu befähigte Hilfe und Unterstützung zu geben. Vor allem Menschen gegenüber, die nicht befähigt waren, sich selbst zu helfen.

In Berlin erlebte Baerens, was es heißt, wenn man vom Abenteuer „Großstadt“ spricht. Neben dem Glitzer und Glamour Berlins auch schon in jenen Zeiten, schärfte er seine Sinne für die Bedürfnisse von Menschen, die nicht mithalten konnten: Obdachlose, Ausreißer, Junkies und Straßen-Kids. Schon bald verspürte er den Wunsch, zurückzukehren nach Mecklenburg-Vorpommern. Der Ruf ereilte ihn bald und so ging es für Stefan Baerens heimwärts. Er arbeitete aktiv bei der Entwicklung von Programmen wie Carifair und Carisatt mit – Projekten, die im Gegensatz zu anderen Hilfsleistungen immer auch ein Eigenengagement bei den Bedürftigen voraussetzten. Für Baerens ein essentieller Meilenstein im Bereich sozialer Hilfeleistung: „Man muss sehen, dass man die Welt gerechter gestaltet für diejenigen, die nicht mithalten können. Das bedeutet aber nicht, dass man ihnen alles einfach so überlässt, denn das fördert in meinen Augen nicht. Es verleitet vielmehr dazu, dass ein Mensch verlernt, um etwas, dass ihm wichtig ist, zu kämpfen.“

Ende der Neunziger bewarb sich Stefan Baerens bei der Caritas für Dreilützow. „Die suchten jemanden, der gleichermaßen das Gebäude, als auch den Park und vor allem die Gäste gut zu betreuen weiß. Ich war noch ziemlich jung für diese Aufgabe, aber man traute mir das zu“, sagt Baerens mit einem Anflug eines Lächelns, „es war für mich der absolut richtige Schritt – dennoch war ich zunächst ein wenig unsicher“. Das erste was ihn vor Ort erwartete war pure Arbeit. Das Schloss war ziemlich sanierungsbedürftig – und vor allem baulich nicht auf Gäste und Touristen eingestellt. Toiletten und Waschräume gab es zwar – aber nicht so, dass es den Standards eines Schullandheims entsprach. Der Park war verwildert. Ein wenig ist er das auch heute noch – aber wirklich nur ein ganz klein wenig. Und dieser Hauch weckt das Interesse an der Parkanlage. Innen ist der ursprüngliche Adelssitz zwar noch als solcher erkennbar – mehr jedoch die Nutzung als Schullandheim. Dies aber verleiht dem Gesamten auch eine besondere Note. Wenn man unter der Woche und vor allem im Sommer nach Dreilützow kommt, wuselt es nur so vor Besuchern. Man gewinnt den Eindruck, dass überall zu jeder Zeit gerade etwas läuft. Dreharbeiten von einer Gruppe Oberstufenschülern auf der Auffahrt und im großen Foyer. Ein Tanz-Workshop im Anbau und auch ein wenig draußen auf der Wiese. Im Kletterpark übt eine Grundschulklasse aus der Großstadt, die Angst vor der Höhe zu verlieren. In zwei Bauwagen wird experimentiert. Und hinter dem Haus, bei den Kanninchenställen, liegen ein paar Mittelstufenschüler im Gras und sonnen sich, während ihre Lehrer sie auf dem Fußballplatz im Schlosspark vermuten und erfolglos suchen. Ein Weiher liegt friedlich im Schatten großer alter Bäume – sogar einen Riesenmammutbaum gibt es hier. Und in den Sommermonaten ist ein Teil des Parks mit Jurten und oder großen Gruppenzelten belegt – dann nämlich wird Dreilützow auch zur größten Zeltstadt unseres Landkreises.

„Ich hatte mir damals zu Beginn das Ziel gesetzt, dass wir jedes Jahr einen Gruppenraum mit einem eigenen Nassbereich versehen“, sagt Baerens auf die Frage nach seinen Erwartungen an sich selbst. Bisher liegt er über dem Soll. Neben ihm selbst arbeiten bis zu 12 weitere Menschen in der Einrichtung nebst Park. Auch einen eigenen Schlossgeist namens Dieter gibt es in Dreilützow. Dieser hat längst seinen ganz eigenen Kultstatus erreicht. Immer wieder fragen gerade die Kinder gleich nach der Ankunft, ob es Dieter auch wirklich gäbe. Vermutlich ist der Schlossgeist Dieter ein sehr modern denkender Schlossgeist – schließlich verfügt er auch über eine eigene Website: http://www.orxon.de/schlossgeister3l.html

Bisher hat Baerens seine ureigenste Zielvorgabe erfüllen können. Und die Gäste sind auch glücklich. Das Schullandheim ist der Übernachtungsbetrieb mit der höchsten Gästezahl in Südwestmecklenburg. Viele Gäste sind Wiederholungsgäste - ein Umstand, der Baerens auch mit ein klein wenig Stolz erfüllt: „Das ist ein gutes Zeichen. Auch deshalb, weil dies die Richtigkeit unseres Konzeptes und unserer Ideen und Visionen unterstreicht. Es zeigt, dass Schlösser nicht nur als exklusive 5-Sterne-Hotels oder Museen funktionieren, sondern dass es auch dann angenommen wird, wenn man neben Schulklassen, Jugendgruppen und –projekten auch auf alternativere Familientreffen o.ä. setzt – immer im Hinblick darauf, diejenigen zu berücksichtigen, die nicht das nötige Geld für einen 5-Sterne-Betrieb haben.“ Noch während er dies sagt, fügt er an, dass es ihm wichtig sei, dass niemand von ihm denke, ihn würde die Präsenz von 5-Sterne-Schlosshotels stören. Ganz im Gegenteil, für Baerens ist sein Modell Dreilützow dazu eine sinnvolle und engagierte Ergänzung. Firmen seien ihm auch sehr willkommen als Gäste, sagt er: „In unserem „Treibhaus“ haben wir oft Buchungen von Unternehmen – es eignet sich hervorragend für Kreativ-Workshops, Barcamps und Meetings mit dem besonderen Etwas. Oder wir erfinden einfach etwas Neues.“

Neues zu erfinden ist auch so ein typisches Merkmal von Stefan Baerens. Als er damals gerade angefangen hatte in „seinem“ Schloss, stellte er fest, dass so etwas wie eine Sporthalle fehlte. Dafür gab es neben der Dorfkirche noch eine Wallfahrtskirche auf „seinem“ Gelände – in einem der ehemaligen Pferdeställe. Baerens überlegte nicht lange und verordnete der Kirche im früheren Stallgebäude eine Umwidmung. Er schuf eine Sporthalle aus einer Kirche. Und das auf einem Schullandheim der Caritas. Auf die Frage, ob ihm das damals Ärger eingebracht habe, oder zumindest Schwierigkeiten verursacht habe, überlegt er kurz und sagt dann: „Nein, das gab es ganz und gar nicht. Das war eine meiner ersten größeren Umbau-Ideen hier. Man hat mich das machen lassen. Ort für Gebete und Andachten gibt es hier viele – die neue Sporthalle war für uns sehr viel wichtiger in dem Moment. Das ist für die Kinder hier. Deshalb haben alle gleich mitgezogen.“

Etwas für die Kinder tun – und alle ziehen mit. Ein schönes Schlusswort für diesen Weekender.

© Bilder: Stefan Baerens

Steckbrief

  • Nutzung als landwirtschafltiches Gut 1333–1725
  • Erbaut im Jahre 1725 ff
  • 1941–1945 Kriegslazarett
  • nach 1945 in Besitz der katholischen Kirche
  • Seit 1995 Schullandheim der Caritas
Schullandheim, Bildungs- und Begegnungsstätte Schloß Dreilützow Am Schloßpark 10; 19243 Dreilützow
Tel: +49 38852 / 50 154 E-Mail: schloss3l@t-online.de | www.schloss-dreiluetzow.de

 

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