André Thieme – fest im Sattel aber niemals hoch zu Ross

Ausgabe 50
Sa, 09/07/2019

Wie man erfolgreich Hindernisse überwindet:

André Thieme – fest im Sattel aber niemals hoch zu Ross

André Thieme zählt zu den prominentesten Sportlern aus unserer Region. Als international erfolgreicher Springreiter kann er bereits auf eine große Anzahl prestigeträchtiger Erfolge zurückblicken. Sein Name zählt etwas in der Welt des Pferdesports. Doch Thieme ist nicht nur ein Gewinner, wenn es um Sekunden und Punkte im Parcours geht – auch als Unternehmer beweist er tagtäglich sein Näschen für talentierte Pferde. Gemeinsam mit seiner Frau Corinna betreibt er in einem kleinen idyllischen Ortsteil von Plau am See sein Unternehmen, das Pferde züchtet, trainiert, ausbildet und dann verkauft. Trotz seiner Erfolge ist Thieme ein sehr bodenständiger und in seiner Region fest verankerter Mensch, dessen Rat geschätzt wird und der anpackt, wenn es etwas zu tun gilt. Sitz seines Unternehmens: Karow bzw. Plau am See im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Er ist keiner, der gleich munter oder gar überschwänglich gestikulierend drauflos plaudert. Wer André Thieme das erste Mal gegenüber sitzt, der würde ihn wahrscheinlich sofort als cool, „echt norddeutsch“ oder gar „typisch mecklenburgisch“ beschreiben. Ursprünglich jedoch stammt Thieme aus der Oberlausitz. Genauer gesagt aus Hoyerswerda, welches damals noch ein Teil von Brandenburg gewesen ist – heute jedoch zum Bundesland Sachsen gehört. Als er ein Jahr alt - oder besser gesagt: jung - ist, zieht die Familie nach Mücheln in Sachsen-Anhalt. Seine Kindheit und einen ziemlich großen Teil der Jugend verbringt der Sportbegeisterte dort. Norddeutschland liegt für ihn in jenen Zeiten noch in weiter Ferne.

Wesentlich näher dran sind hingegen die Pferde. Sein Vater Michael - einst einer der international erfolgreichsten Dressurreiter und Trainer – sorgte schon früh dafür, dass Sohn André reiten lernte. Klassisch. Also Dressur. Zunächst bringt er selbst dem Filius bei, sich auf dem Pferd zu halten. Später entscheidet er, dass sein Sohn andere Trainer haben sollte. Eine schlaue Entscheidung, sagt André Thieme, so gab es keinen Krach zwischen den beiden. „Mein Vater hat das wirklich klug und weise gehandhabt damals“, erinnert er sich. Trotzdem habe der Vater jeden seiner Schritte beim Reiten verfolgt. Sowohl die Fortschritte – als auch die Phasen, in denen es gerade mal nicht vorwärts ging.

In jener Zeit spielte André Thieme auch noch sehr aktiv Fußball. Eine Leidenschaft, die sich der zweifache Familienvater bis heute hin bewahrt hat. Als Fan fiebert er mit, wenn „seine“ Bayern spielen. Und er leidet mit "Hansa". Wenn möglich schaut er jedes Spiel. Ganz gleich ob zuhause, von unterwegs oder direkt im Stadion. Dort sei es natürlich am schönsten – weil authentisch. Wann und wie er zu der Kombination aus FC Bayern und Hansa Rostock gekommen sei? „Keine Ahnung. Hansa hat sicherlich etwas mit meiner Heimat hier in Mecklenburg-Vorpommern zu tun. Und die Bayern sind halt beeindruckend. Vielleicht ist das aber auch eine Art kleiner Seelen-Tröster für all die Hansa-Pleiten der letzten Jahre“, Thieme lächelt herzlich während er das sagt. Keine Frage: Er scheint schon etwas aufgetauter zu sein.

Als André Thieme 16 Jahre alt ist, zieht die Familie nach Redefin. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1990. Vater Michael wird Obersattelmeister auf dem Landgestüt – eine Aufgabe mit größter Verantwortung. Und André Thieme haben bereits die meisten Talentscouts auf dem Zettel – sowohl beim Fußball als auch im Reitsport. Bis zum Ende der Schulzeit fährt er sportlich zweigleisig. Dann fällt er eine Entscheidung: pro Reitsport. Den Vater freut es selbstverständlich. Weniger erfreut ist er hingegen, als sein Sohn ihm mitteilt, dass er Dressur für eine grundsätzlich sehr gute Sache halte – jedoch selbst mehr zum Springen tendiere: „Da hatten wir dann das erste Mal eine Situation, in der ich gegen seine Vorstellungen entschied. Letztlich aber hat er mir das nicht nachgetragen und mir stattdessen noch ein paar sehr gute Ratschläge mit auf den Weg gegeben.“ Seitdem beginnt für André Thieme so etwas wie der eigene Weg. Langsam zwar, denn er bleibt noch für einige Zeit in Redefin bei den Eltern leben. Aber mit seinem Entschluss, Springreiter zu werden, tritt er aus dem großen Schatten und den tiefen Fußspuren, die sein Vater all die Jahre hinterließ.

Redefin wird für Thieme zu seinem Zuhause. Er kennt jede Ecke und jeden Winkel auf dem Landgestüt. Er lebt und verinnerlicht die Historie, die mit diesem Ort verbunden ist.

Und er entdeckt eine weitere Leidenschaft an sich: André Thieme hört für sein Leben gern harte Rockmusik. Er mischt sich seine Tapes, die ihn begleiten, wenn er unterwegs ist zu Turnieren und Lehrgängen. Wenn er kann, geht er auf Konzerte. Und noch heute sorgt er mit seiner Begeisterung für so manches Schmankerl. Beispielsweise, wenn nach dem Deutschen Derby in Hamburg mit Reitern und Sponsoren exklusiv gefeiert wird. Dann nämlich wird aus ihm das, was Ex-Bayern-Trainer Louis von Gaal einst als „Feierbiest“ bezeichnete. Legendär sind die Momente, in denen er zum DJ wird. Wenn plötzlich Songs von Metallica und anderen die Stimmung hochreißen. Tanzt er dann auch dazu, fragen wir ihn. „Klar. Früher war es zwar wilder – aber natürlich mache ich da dann auch Action“, antwortet Thieme mit einem sehr breiten Grinsen. Headbanging gehöre schließlich dazu. Außerdem sei er bei weitem nicht der einzige bei solchen Anlässen, der auf Hardrock und Heavy Metal stehe. „Ich bin aber derjenige, der das salonfähig gemacht hat“, sagt André Thieme – diesmal mit einem sehr verschmitzten Lächeln. Er ist aufgetaut.

Lange Haare, so wie für einen echten Hardrock- bzw. Heavy-Metal-Fan üblich hatte André Thieme nie. In Redefin, wo er als Bereiter in die Lehre ging, wäre das nicht möglich gewesen. Die Regularien eines Landgestüts sehen Uniform vor. Als junges Nachwuchstalent im Reitsport ergab sich für ihn die Gelegenheit, den ganz großen Schritt zu gehen: Springreiter-Legende Ludger Beerbaum wollte ihn zu sich nach Riesenbeck holen. Dort sollte er zu einem Goldspringer ausgebildet werden. Thieme jedoch sagte ab. Zu bedeutend waren für ihn in jener Zeit die Bande, die ihn in Redefin hielten – seine Familie und die Region. Oft hat er sich in den Jahren danach gefragt, weshalb er das Angebot des mehrfachen Welt- und Europameisters und Olympiasiegers nicht angenommen hat. Heute weiß er, dass dieser Schritt für ihn schwerwiegend und dennoch goldrichtig war: „In Riesenbeck wäre ich wahrscheinlich zum absoluten Top-Springer geworden. Eigentlich alle, die dorthin gegangen sind, wurden später Weltmeister oder Olympiasieger. Das wäre sportlicher Erfolg in einer anderen Dimension gewesen. Aber dann wäre ich heute ziemlich sicher nicht der Unternehmer und auch nicht der Mensch, der ich geworden bin.“

Anstatt die Koffer zu packen und zu den Beerbaums nach Nordrhein-Westfalen zu gehen, blieb André Thieme noch ein wenig. Und ging dann stattdessen in die USA. Genauer gesagt zu Tim Grubb, einem früheren Weltklassespringer, der sowohl für England als auch die USA bei Olympia ritt. Grubb hatte bereits von Thieme gehört und bot ihm an, bei ihm neben der weiteren reitsportlichen Ausbildung auch das Business eines Turnierreitstallbesitzers kennen zu lernen. Mit Schwerpunkten auf der betriebswirtschaftlichen Ebene, der Zucht und dem Verkauf sowie der Entwicklung von Pferden. André Thieme ging also für ein gutes Jahr über den großen Teich, was zugleich auch die abrupte Abnabelung vom eigenen Elternhaus bedeutete.

In den USA fand Thieme eine neue zweite Heimat. Der typisch Norddeutsche mit den Wurzeln aus der Oberlausitz fand sich prima zu recht in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: „Für mich war das eine sehr lehrreiche Zeit. Ich spürte damals, dass man mich dort mochte. Das war mir wichtig.“ Und Thieme baute belastbare Kontakte auf – die für ihn heute ein wichtiger Baustein des unternehmerischen Erfolges sind. Amerikanische Züchter schätzen seine Arbeit ebenso, wie die Fans bei großen Turnieren. Man könnte fast meinen, die Begeisterung für den Springreiter André Thieme sei in den USA noch ein Stück weit größer sogar als hierzulande. Doch das will der Wahl-Plauer so natürlich nicht stehen lassen: „Der Zuspruch ist sehr groß. Und auch das Geschäft mit Amerika läuft hervorragend. Dennoch kann ich sagen, dass ich auch hierzulande eine breite und sehr große Wertschätzung erfahre.“ Wobei es manchmal auch zu merkwürdigen Missverständnissen komme, wie er anführt. Vor ein paar Jahren gelang es Thieme erstmalig, ein sehr hochdotiertes Turnier in den USA zu gewinnen. Die hiesigen Zeitungen berichteten von einem „1-Million-Dollar-Preisgeld“. „Noch bevor ich wieder zurück war, hatte sich bereits das Finanzamt bei meiner Frau gemeldet, um freudig die fälligen Steuern einzufordern“, sagt Thieme, nicht ohne ein spitzbübisches Lächeln. Dass er sich das ziemlich beachtliche Preisgeld mit vielen weiteren Sportlern habe teilen müssen, sei dann ein echter Lernprozess für alle Seiten gewesen. Sei’s drum, sagt er. Entscheidend seien eh ganz andere Dinge im Leben: „Es geht mir gut. Ich habe eine tolle Frau, ohne die das Unternehmen niemals laufen würde. Wir haben gesunde Kinder, die einen guten Weg gehen und wir leben und arbeiten in einer wunderschönen Gegend.“ Plau und die ganze Gegend habe so viel zu bieten, da wolle er nicht auf hohem Niveau weinen, wie er anmerkt. Seine Frau, die sich um das Betriebswirtschaftliche kümmere und den Familienalltag manage, habe ab und zu ein wenig mehr unter den Formalitäten und Zwängen des unternehmerischen Alltags zu leiden, während er selbst irgendwo dabei sei, Preisgelder zu gewinnen. Mal erfolgreicher. Mal weniger erfolgreich.

Und vielleicht reicht es auch, doch eines Tages noch mal die Chance zu erhalten, bei olympischen Spielen für Deutschland an den Start gehen zu dürfen. Denn das, so sagt André Thieme inbrünstig und mit einem so breiten Grinsen, wie es zu Beginn unseres Gespräches kaum vorstellbar gewesen wäre, sei wirklich noch ein ganz großer Traum, den er sich bislang nicht habe erfüllen können. Bei all dem, was bisher in seinem Leben so rund lief – eine Teilnahme bei Olympia wäre noch einmal eine echte Kirsche auf einer riesengroßen Sahnehaube.

Nicht zwangsläufig für Gold. Nicht für Silber oder Bronze. Nur für sich selbst, seine Familie und seine Heimat. Dabei sein, ist alles.

 

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Marc Brendemühl
Projektmanager Kommunikation und Marketing
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