Auf einen Kaffee mit Viola Francke-von Zitzewitz

Ausgabe 51
Sa, 09/21/2019

Eine Frau von Welt:

Auf einen Kaffee mit Viola Francke-von Zitzewitz

Viola Francke-von Zitzewitz wurde 1938 in Hinterpommern – im heutigen Polen – geboren. Als Kind erlebte sie Weltkrieg, Flucht und Vertreibung. In Schleswig-Holstein fand die Familie zum Kriegsende eine neue Heimat. Viola Francke-von Zitzewitz wurde Übersetzerin und heiratete den Manager Adolf Francke, an dessen Seite sie für längere Zeit im Ausland aktiv war. In Brüssel arbeitete ihr Mann viele Jahre lang als Repräsentant und Lobbyist für die internationale Margarineindustrie. Viola Francke-von Zitzewitz organisierte in jenen Jahren neben dem Familienalltag vor allem auch das „Damen-Programm“ – kulturelle Veranstaltungen für die Ehefrauen von Wirtschaftsvertretern. Im Jahr der Wiedervereinigung führten seine familiären Wurzeln die beiden nach Redefin, wo sie schließlich in unmittelbarer Nähe zum Landgestüt ein neues Zuhause fanden. Frau Francke-von Zitzewitz gründete schließlich den „Förderkreis Landgestüt Redefin e. V.“

WiFöG: Frau Francke-von Zitzewitz, Sie feierten im vergangenen Jahr Ihren 80. Geburtstag. Wenn man Sie so betrachtet, dann gewinnt man den Eindruck, einem sehr aktiven und lebhaften Menschen gegenüber zu sitzen. Sie entsprechen so gar nicht dem Stereotyp eines über 80-jährigen Menschen. Wie lautet Ihr Geheimnis?

Francke-von Zitzewitz: Herzlichen Dank, das nehme ich jetzt mal als ein Kompliment. (lacht) In der Tat erledige ich so viel wie möglich selbst. Das Haus, der Garten, die Küche, Reisen. Oder Empfänge, die ich organisiere mit Gästen, die es unterzubringen gilt: Ich bin ziemlich aktiv. Wissen Sie, es gibt da dieses Stichwort: „Wer rastet, der rostet!“ Ich kann zwar durchaus auch mal rasten. Aber ich bin eben auch sehr gern in Bewegung, gehe gern spazieren und bin insgesamt viel draußen an der frischen Luft. Die Redefiner Landluft ist einfach herrlich.

WiFöG: Apropos, nach Redefin kamen Sie kurz nach der Wiedervereinigung. Ihr mittlerweile verstorbener Mann stammte von hier. War das eine Entscheidung, die Ihnen damals leicht gefallen ist?

Francke-von Zitzewitz: Ja. Klar.

WiFöG: Tatsächlich?

Francke-von Zitzewitz: Nun, was haben Sie erwartet? (lächelt) Mein Mann hatte seine familiären Wurzeln unmittelbar in der Nähe von Redefin. Und wir fuhren 1990 hierher und schauten uns Redefin an. Ich muss sagen, dass ich das Landgestüt, welches sich damals in einem vergleichsweise sehr bescheidenen baulichen Zustand befand, sofort in mein Herz geschlossen habe. Als wir Redefin damals wieder verließen, sagte ich zu meinem Mann: „Hier werden wir beide alt!“ Und so ist es dann ja auch gekommen … (lächelt)

WiFöG: Sie selbst und Ihre Familie stammen ursprünglich aus Hinterpommern – dem heutigen Polen. Als Kind erlebten Sie Krieg und Flucht. Inwieweit hat Sie das Erleben in früher Kindheit geprägt?

Francke-von Zitzewitz: Das hat mich natürlich sehr tief geprägt. Wenngleich ich das als jüngerer Mensch so noch nicht bemerkt habe. Ich war nicht ganz ein Jahr alt, als der Krieg ausbrach. Und ich war sechs, als er sein Ende fand. Dazwischen lagen Jahre, in denen wir die Realität von Krieg nicht immer so stark spürten. Das hatte auch sehr viel mit meiner Mutter zu tun, die sehr bemüht war, dass wir möglichst ohne Sorgen aufwachsen sollten. Mit dem Heranrücken der Front und der großen Flucht in den Westen habe ich den Krieg dann natürlich auch schon als Kind sehr real erlebt. Das war furchtbar und schrecklich. Wir kamen damals am Ende unserer Flucht in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein auf einem Gutshof unter. Gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen. Plötzlich war es Normalität, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu leben. Vorher lebten wir doch sehr großzügig. Aber das ging doch alles. Ich habe früh gelernt, dass es Vieles gibt, mit dem man sich gut arrangieren kann. Gerade die Nähe zu anderen Kindern war großartig. Man brauchte nicht lange zu suchen, um jemanden zum Spielen zu finden.

WiFöG: Welche Entbehrungen haben Sie aus jener Zeit noch in Erinnerung?

Francke-von Zitzewitz: Sicherlich gab es solche Entbehrungen zuhauf. So richtig gespürt haben meine Geschwister und ich die allerdings nicht. Meine Mutter besaß das Talent, aus quasi Nichts irgendetwas Schönes zu zaubern. Sei es, dass sie aus einem Stoff-Fetzen wunderschöne Vorhänge nähte, die dann ideal zur Tischdecke passten oder Ähnliches. Es war so, dass wir es immer schön hatten. Vielleicht habe ich die Dinge, die möglicherweise gefehlt haben, längst nicht mehr in meinem Gedächtnis. Aber ich erinnere mich an die vielen kleinen und großen Dinge, die meine Mutter für uns improvisierte.

WiFöG: Waren Sie als Kind sehr viel draußen?

Francke-von Zitzewitz: Eindeutig: Ja. Ich war sehr viel draußen an der frischen Luft. Ich war keine „Stubenhockerin“ … (lacht herzlich)

WiFöG: Gab es Hobbies, die Sie pflegten?

Francke-von Zitzewitz: Wir hatten Tiere, die es zu versorgen galt. Hunde, Schafe und auch Tauben beispielsweise. Und schon als Kind fühlte ich mich sehr zu Pferden hingezogen. Auch, wenn ich zunächst kein eigenes Pferd besaß – das kam erst sehr viel später – so gab es auf den umliegenden Höfen Pferde, auf denen ich reiten durfte. Vor allem wenn Erntezeit war, liebte ich es, auf den Pferden zu sitzen, wenn diese im Einsatz waren. Aber so ganz klassische Hobbies, wie Sie jetzt vermutlich meinen, hatte ich nicht. Ich war sportlich – beispielsweise galt ich als gute Leichtathletin. Dazu ruderte ich im Vierer auf dem Plöner See. Unternehmungslustig war ich sowieso. Mich interessierte die Natur und ich begeisterte mich für Sprachen. Außerdem hatte ich Tiere gern. Das waren meine Hobbies, wenn man so möchte. (lächelt)

WiFöG: Ihr Mann war früher Lobbyist und Sie lebten gemeinsam über viele Jahre im Ausland. Wo hat es Ihnen persönlich dabei am besten gefallen?

Francke-von Zitzewitz: Es gab sehr viele, sehr schöne Orte, an denen wir waren. Auch, wenn wir reisten. Ich habe meinen Mann beinahe immer begleitet. Und so bekam ich wirklich sehr viel von der Welt zu sehen. Brüssel hat uns sehr gut gefallen. Aber am allerschönsten ist für mich tatsächlich Redefin.

"Ich kann gewiss sehr diplomatisch sein. Zuweilen jedoch fällt mir das äußerst schwer."

WiFöG: Während Ihr Mann Gespräche mit Politikern, Beamten und Wirtschaftsvertretern auf höchster Ebene führte, organisierten Sie interessante und kulturelle Programme für deren Gattinnen. Haben Sie in jenen Jahren auch auf internationaler Ebene Freundschaften schließen können oder war das nicht möglich?

Francke-von Zitzewitz: Ja, das habe ich. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Freundschaften sind ein Privileg, das einem das Leben bietet. Und ich habe sehr spannende Menschen kennen lernen dürfen. Einige von denen sind meine Freunde geworden. 

WiFöG: Als gelernte Dolmetscherin waren Sie für dieses Leben in solch‘ „wirtschafts-diplomatischen“ Kreisen ja quasi prädestiniert. Hätten Sie selbst auch eine gute Diplomatin oder eine Lobbyistin abgegeben?

Francke-von Zitzewitz: Das weiß ich gar nicht. Ich habe mich das tatsächlich nie gefragt … (lächelt) Ich war immer sehr zufrieden, mit dem, was ich gemacht habe. Die ehrlichste Antwort, die ich jetzt so geben kann, lautet: Ich kann gewiss sehr diplomatisch sein. Zuweilen jedoch fällt mir das äußerst schwer. (lacht herzlich)

WiFöG: Gab es eine Persönlichkeit, die Sie in all den Jahren kennen lernen durften, die Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Francke-von Zitzewitz: Ja. Das war tatsächlich mein verstorbener Mann Adolf. Vielleicht klingt das ein wenig romantisch oder auch altmodisch – aber es war so: Ich habe ihn wahnsinnig bewundert, weil er wirklich sehr talentiert gewesen ist. Und weil er – das dann im Gegensatz zu vielen anderen, die ebenfalls mit entsprechendem Talent gesegnet sind – das Optimale erreicht hat. Auch als Mensch hat er mich während der langen Zeit, in der wir uns kannten, immer wieder auf’s Neue beeindruckt.

"Vielleicht wusste mein Mann auch um tatsächliche Gefahren – gesprochen haben wir darüber jedoch nicht."

WiFöG: Der sogenannte „heiße Herbst“ und auch die Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 war ein einschneidendes Erlebnis für deutsche und internationale Wirtschaftsspitzen. Es machte deutlich, dass Deutsche Spitzenvertreter auch im Ausland angreifbar sind. Wie haben Sie diese Phase erlebt und hatten Sie selbst Sorge davor, Opfer von Terror werden zu können?

Francke-von Zitzewitz: Das ist eine sehr gute Frage. Aus meiner Erinnerung kann ich sagen, dass ich damals keinerlei Angst hatte. Die Bedrohung durch den Terrorismus jener Jahre habe ich vermutlich so wie viele andere wahrgenommen. Als etwas Schreckliches. Aber eben auch als etwas, das mich nicht direkt betrifft. Heute könnte man meinen, dass diese Sichtweise von mir damals ein wenig blauäugig gewesen sein mag. Denn es waren ja Viele im Fadenkreuz der Terroristen. Vielleicht wusste mein Mann auch um tatsächliche Gefahren – gesprochen haben wir darüber jedoch nicht. Und so entwickelte ich zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl der Sorge.

WiFöG: Ihre drei Kinder und Ihre Enkel leben allesamt im Ausland. Hätten Sie es manchmal lieber, sie wären näher bei Ihnen?

Francke-von Zitzewitz: Ach, ganz manchmal ja. (lächelt) Aber, ich weiß, dass es allen dort, wo sie leben, sehr gut geht. Und das ist das Allerwichtigste für mich als Mutter und auch als Großmutter. Außerdem pflege ich einen sehr engen telefonischen Kontakt zu allen meinen Kindern und zu meinen Enkelinnen und Enkeln. Übrigens: So selten sehen wir uns nun auch wieder nicht. Ich weiß auch, dass sie jederzeit kommen, wenn ich sie brauche. Oder ich sie besuchen kann. Das ist gut so. Zudem habe ich hier so viele liebe Menschen in Redefin, die immer mal nach mir schauen. Das ist auch so ein wenig wie Familie.

WiFöG: Bei uns in der Region ist der Name Viola Francke von Zitzewitz untrennbar verbunden mit dem Landgestüt Redefin  und der Tatsache, dass Sie 1995 die Gründerin des Fördervereins waren. Eines Vereins, der sehr stark vor allem auch finanziell mit dazu beigetragen hat, den baugeschichtlichen Charakter von Redefin zu erhalten bzw. zu retten. Nun hätten Sie vielleicht auch andere Dinge tun können als einem Landgestüt unter die Arme zu greifen. Wäre es richtig, zu behaupten, dass dieser Verein eigentlich Ihr viertes Baby ist?

Francke-von Zitzewitz: Ja, das kann man wohl sagen! Ich habe damals sofort gesehen, dass hier auch die Hilfe von außen gefragt sein würde. Dementsprechend habe ich meine Kontakte und die meines Mannes genutzt. Wir spürten sofort von allen Seiten, dass unsere Hilfe gern gesehen war. Das hat Vieles erleichtert. Und heute ist der Verein eine feste Größe geworden. Er ist also kein Baby mehr, er ist erwachsen. (lächelt) Auch, wenn ich selbst nicht mehr in allervorderster Linie stehe, so werde ich mich doch bis an mein Lebensende mit all meiner Kraft für diesen Verein, für das Landgestüt, die vielen tollen Menschen dort und natürlich auch für den Ort Redefin und seine Bewohner stark machen.   

WiFöG: Ihren 80. Geburtstag haben Sie – wie sollte es anders sein – auf dem Landgestüt gefeiert. Wie viele Gäste hatten Sie vor Ort? Und wer hatte die weiteste Anreise?

Francke-von Zitzewitz: Also, es kamen Freunde aus Brüssel und aus München. Es kamen Freunde aus Eckernförde in Schleswig-Holstein und welche aus Köln. Und es kamen auch Freunde aus der Uckermark. Dazu kamen viele Wegbegleiter und Freunde hier aus der Region. Sodass ich sagen kann: Ich hatte Gäste aus allen Himmelsrichtungen. Und wir waren insgesamt 187 Personen.

WiFöG: Die Feier fand als eine der ersten Veranstaltungen im neu gestalteten Landstallmeisterhaus statt. Wie hat Ihnen das Haus gefallen?

Francke-von Zitzewitz: Nun, ich bin ganz begeistert. Einerseits von dem Haus: Das ist so schön geworden. Die gesamte Einrichtung und damit auch die Nutzungsmöglichkeiten finde ich großartig. Ebenso großartig aber finde ich auch die Betreiber. Tino Varwig ist mir bereits sehr ans Herz gewachsen. Wir sehen uns öfter, wenn er nach Dienstende noch auf ein Küchen-Gespräch vorbeischaut. Im Sommer finden die Küchengespräche allerdings eher im Garten statt. (lacht herzlich)

WiFöG: So, Frau Francke-von Zitzewitz, nun sind wir auch schon bei unserer letzten Frage angelangt. Wir hörten, dass Sie eine echte Weinkennerin sind. Mit welchem lebenden Menschen würden Sie gern einmal ein Glas Wein gemeinsam genießen und dabei über die Welt plaudern? Und wäre es eher ein Rotwein oder ein Weißwein?

Francke-von Zitzewitz: Also zunächst einmal: Im Sommer wäre das eher ein kühler Weißwein und im Herbst bzw. Winter ein trockener Rotwein. Und nun zu Ihrer anderen Frage: Früher habe ich am liebsten ein gutes Glas Wein mit meinem Mann getrunken. Heute trinke ich ab und zu sehr gerne ein Glas Wein mit Tino Varwig, dem Betreiber des Landstallmeisterhauses. Dabei kommen wir immer wieder ins Plaudern über die Welt. Ich genieße solche Momente sehr und daher wünsche ich mir, dass wir das auch weiterhin tun können. Sind Sie mit dieser Antwort so einverstanden? (lacht sehr herzlich)

WiFöG: Absolut, ja! Frau Francke-von Zitzewitz, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

 

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Laura Wagner Projektmanagerin Fachkräftesicherung
Laura Wagner
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